von Reimer Gronemeyer

In Wanaheda, schwarzer Stadtteil von Windhoek. Eine Garküche. Wir stehen um eine eiserne Pfanne herum, in der Kohle glüht. Auf dieser Kohle braten Fleischstückchen, die man für ein paar Cent kaufen kann. Wer zahlt  nimmt sie sich direkt vom Feuer und tunkt sie in ein Schälchen mit Gewürzen. Der noch vom Fell überzogene Rinderkopf liegt am Boden.

Wenige Meter weiter sitzt eine junge Frau vor einer Schüssel, die mit fatcakes gefüllt ist – das sind namibische Krapfen. Fliegen überall. Ich lasse mir vier der Teigbällchen in Zeitungspapier einwickeln, sie finden Anklang in unserer Gruppe und so gehe ich noch drei mal, um weitere zu kaufen. Die junge Frau lacht schließlich aus vollem Halse. Ich weiß nicht genau warum.  Hält sie mich für einen Nimmersatt oder freut sie sich über das unvermutet gute Geschäft?

 

In Deutschland werden Jeans mit Kunstlöchern besonders teuer verkauft

Während ich zur Pfanne mit der glühenden Kohle zurückkehre, vorbei an Gemüse- und Obsthändlern, sehe ich einen alten Mann, die Armut starrt aus allen Knopflöchern – allerdings hat er gar keine Knopflöcher, sondern nur ein zerrissenes T-Shirt, löchrige Hosen. Mir fällt ein, dass in exklusiveren Geschäften bei uns in Deutschland die Jeans mit Kunst-Löchern besonders teuer verkauft werden.

Ich sehe, dass der alte Mann sich bückt und eine ausgelutschte Apfelsinenschale aufhebt, um die kleinen, schmutzig gewordenen Reste aus der Schale herauszuklauben. Das sind die Augenblicke, in denen mir der Hals wie zugeschnürt ist. Wir beide, wie wir da einige Zentimeter voneinander entfernt stehen, leben auf verschiedenen Planeten.

In das Erlebnis der atemberaubenden Schönheit dieses Landes, in die Heiterkeit und Freundlichkeit, mit der die Menschen uns begegnen, schießt immer wieder die unmittelbare Not von Menschen.

Kein Geld – kein Wasser

Da steht in ihrer sorgfältig aufgeräumten Hütte das 18jährige Mädchen. Gelbes T-Shirt. „Child-headed household“ wird das genannt, das sind solche Haushalte, in denen Kinder allein das Leben zu bewältigen versuchen. Die Mutter ist gestorben, der Vater arbeitet weit, weit entfernt auf einer Farm. Und so versorgt das Mädchen ihre drei jüngeren Brüder. Hin und wieder schickt der Vater etwas Geld, sonst gibt es kein Einkommen. Essen, Schuldgeld, Bücher und Uniform müssten bezahlt werden. Auch diese Kinder bekommen nicht immer etwas zu essen, bevor sie zur Schule laufen.

Später passieren wir eine der Wasserstellen, von denen sich die improvisationsfähigen Bewohner dieser Siedlungen aus Wellblech und Müll ihr Wasser holen. Man braucht dafür einen aufladbaren Chip, der sieht aus wie eine Prepaid-Telefonkarte. Das heißt: kein Geld – kein Wasser.

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Im Norden, in Ondangwa, besuchen wir eine alte Frau, die wir schon seit Jahren kennen. Ein normales Schicksal: Sie ist HIV-positiv. Sie ist vielleicht sechzig Jahre alt. Sie wohnt in einer kleinen Blechhütte, in der ihre Habseligkeiten auf einem Haufen liegen, daneben eine uralte Matratze. Natürlich kein Wasser und keine Elektrizität. Es ist dunkel, es ist heiß.

Ich fühle mich schäbig und froh

Wir stehen um sie herum, erfasst von einer ansteckenden Traurigkeit. Wir haben ein paar Nahrungsmittel mitgebracht. Sie lehnt ihren Kopf kurz an die Hüttenwand als suche sie Halt. Über ihr Gesicht ziehen wie Schatten im Wechsel Weinen und Lächeln.

Was wäre, frage ich mich, wenn das mein Leben wäre? Für sie unzweifelhaft eine wichtige Sache, für ein paar Tage um das Essen keine Sorge zu haben. Und dennoch fühle ich mich schäbig mit dieser Geste. Und zugleich froh. Gemischte Gefühle also. Sie begleiten uns wie immer auf dieser Reise.

Manchmal kann man ein wenig schenken, meistens übersteigt die sichtbare Not die Möglichkeiten, die wir haben. Und so lassen wir Leute zurück, die in der Flut ihre Hütte haben untergehen sehen, können manchmal ein paar Tage überbrücken helfen. Mehr nicht.

Große Hoffnungen – geringe Chancen

Die Hoffnungen der Kinder und Halbwüchsigen sind groß: In einem Gespräch mit 13jährigen im Norden, die für uns ein Theaterstück eingeübt haben: Die Mädchen wollen Ärztinnen oder Lehrerinnen werden. Und man ahnt wie gering die Chance ist.

Das erinnert an den Krankensaal im Onandjokwe Hospital. Ein Saal mit etwa vierzig Betten, an denen wir vorbeikommmen, alle möglichen Leiden und Krankheiten, die wir im Vorbeigehen anschauen. Die alte Frau, die wir hier besuchen, HIV-positiv, sie hatte einen Diabetesschock. Sie könnte entlassen werden, aber erst muss sie jemanden finden, der sie nach Hause fährt.

Saubere Öde, gefährdete Lebendigkeit

Wieder in Windhoek: Die deutschen volunteers haben mit den Kindern aus dem Umfeld des Baby Havens Fußball gespielt. Nun ist es zu spät geworden. Agnes möchte nicht, dass sie unbegleitet nach Hause gehen – einige brauchen für den Weg mehr als eine Stunde. So lade ich das Auto voll und fahre durch Wanaheda, Havana, Babylon, Golgatha usw. Es ist dunkel. Während in Windhoek-Stadt die Bürgersteige früh hochgeklappt werden und in den Einkaufszentren die gleiche abendliche Öde herrscht wie in deutschen Städten, pulsiert hier das Leben.

Herabhängende Glühbirnen beleuchten die zahllosen Garküchen und Gemüsestände. Bottlestore neben Bottlestore, aus jedem dröhnt ohrenbetäubende Musik. Die Elektrozäune, die in Windhoek die Nachbarn voneinander und von der Straße abschotten, die meist leer ist, gibt es hier nicht, statt dessen überall redende, gehende Menschen in kleinen Gruppen, oder Einzelne oder Betrunkene, Lachende, Essende, Trinkende. Mädchen sind hier gefährdet, Gewalt soll es viel geben.

Wir hören von dem Freund eines Bekannten, dem seine Frau gerade gestern die Kehle durchgeschnitten hat. Und hinter diesem brodelnden Straßenleben das unübersehbare Meer von Hütten aus Blech, Müll. Wirklich – in dieser Hügellandschaft ist das Klischee vom Hüttenmeer’ seltsam angebracht.

Der gärende Kuchen Katutura wächst unaufhörlich

Und zugleich muss man die unglaubliche Kreativität der Menschen bewundern, die unter diesen ärmlichen Umständen diesen gärenden Kuchen Katutura, diesen schnell wuchernden Riesenslum bauen und weiter bauen und mit Leben erfüllen. Und immer wieder dieses Phänomen, dass viele der Menschen, die über keine Dusche verfügen, keine Elektrizität und keine Waschmaschine ihre dürftigen Unterkünfte dennoch in schneeweißen gebügelten Kleidern verlassen, um einer Arbeit in Windhoek nachzugehen – wenn sie denn einen Job haben. Der namibische Steward auf dem Rückflug nach Frankfurt – stellt sich heraus – sitzt gern im Bottlestore, der dem Baby Haven gegenüber liegt.

Die extended family beginnt zu bröckeln

Auf dem Friedhof in Katutura dagegen liegen die, die es nicht geschafft haben: Unendliche Reihen und ganze Felder mit frischen Kindergräbern, von Wüstengestein bedeckt. Plastikblumen, Name, Geburtsdatum, Todestag. Viele, die nur einige Tage gelebt haben. „The Namibian“ vom 16.4.2011 berichtet, dass die Zahl der Kindestötungen zunimmt. Eine Frau wurde gerade verurteilt, die vergewaltigt worden war und die dem in Folge der Vergewaltigung geborenen Kind mit einer Machete den Kopf fast ganz abgeschlagen hat. Die extended family, die bisher vieles aufgefangen hat, auch die vielen schwangeren Schulmädchen, beginnt zu bröckeln.

Die Ruine eines Schulgebäudes ist von Geschosslöchern übersät

Dieses Mal, auf dieser Reise, ist die Vorgeschichte des Verhältnisses von Weiß und Schwarz besonders lebendig, wird gegenwärtig in den Begegnungen und färbt die Situationen. Mit Rauna fahren wir in ihren heimatlichen egumbo, ihr Gehöft ganz im Norden, in der Nähe der angolanischen Grenze. Auf dem Weg dahin Besuch einer Schule im Busch. Es steht noch die Ruine eines Schulgebäudes auf dem Gelände, die Wände sind von Löchern überzogen, die von Geschossen aus der Zeit des Befreiungskampfes stammen. Südafrikanisches Militär hat das Schulgebäude seinerzeit zerstört. Weiter zu den Resten einer Kirche, die von den „Buren“ niedergebrannt wurde, der verkohlte Taufstein steht noch.

An einem abgestorbenen Baum hält Rauna und erzählt: Eine Gruppe von Schwarzen habe sich damals unter diesem Baum versammelt, dann sei ein Wagen mit fünf bewaffneten Buren gekommen. Sie hätten die Ovambo aufgefordert, ihre Verträge zu unterzeichnen und die Arbeit in den Minen des Landes wieder aufzunehmen. Als sie sich weigerten, hätten sie in die Menge geschossen. Drei Männer seien gestorben. Rauna habe sich auf den Boden geworfen. Fünf der Überlebenden wohnen noch hier.

Welche Geschichte Agnes und Elias – die Baby Haven-Gründer – mit den Weißen haben, weiß ich eigentlich nicht. Einer ihrer Brüder ist in Südafrika im Gefängnis wohl ermordet worden. Rauna, Elias, Agnes – sie alle lassen uns von der Geschichte des weißen Rassismus eigentlich nichts spüren, die doch in ihren Erinnerungen lebendig sein muss. Wieviel Verachtung, wieviel Folter, wieviel Gefahren haben sie erlebt? Rauna, die an den Kämpfen der SWAPO beteiligt war,  hat ihr kleines Kind – George – damals in die DDR geschickt. George ist dann nach der Wende zurückgekommen. Inzwischen ist er an AIDS gestorben.

Komplizierte Beziehung oder Burgfrieden?

Elias aber erhebt sich mit kultivierter Höflichkeit vor uns von seinem Stuhl als er das Geschenk, das wir ihm mitgebracht haben, entgegennimmt. Fast schäme ich mich, dass wir diese Geste veranlasst haben. Es ist eine komplizierte Beziehung zwischen den weißen Europäern, die ihre Kolonialgeschichte im Rücken haben und diesen schwarzen Südafrikanern, die nun auf neue Weise von uns abhängig sind. Es ist ein Burgfrieden – manchmal denke ich: auf dünnem Eis. Das blitzt manchmal auf.

Wenn auch nur der Eindruck entsteht, Agnes würde von den Besuchern, den volunteers oder den Exkursionsteilnehmern bevormundet, reagiert sie heftig und bricht das Gespräch ab. Sie lobt die jungen Menschen aus Deutschland, die so zielorientiert seien, ganz im Gegensatz zu vielen jungen Afrikanern in Katutura. Aber sie schaut entsetzt – wenn ich ihre Miene richtig deute – wenn sie der selbstbewußten Gottlosigkeit dieser jungen Menschen ansichtig wird. Für sie sind „faith and prayer“ – Glaube und Gebet – nicht weniger bedeutsam und heilend als medizinische Expertise.

Wir reden nicht über Kühlschränke, wir reden über die Realität, sagt Agnes Tom

Und an solchen Stellen kann man dann erahnen, was hier der „clash of civilizations“ ist. Das größte Lob, das man von ihr hören kann, ist: Der oder die seien „demütiger“ geworden. More humble. Damit können natürlich nun junge Männer und Frauen aus Deutschland nicht viel anfangen. Noch einmal wird uns vorgeführt, was das ist: clash of civilization. Wie überhaupt Agnes, das beobachte ich seit Jahren, in ihrem Rollstuhl wie eine magna mater, eine große Mutter, eher thront als sitzt. Scharfsinnige Reden hält sie, die namibische Politik wird bissig kommentiert („Wir reden nicht über Kühlschränke, wir reden über die Realität“, hat sie im Gespräch mit Regierungsvertretern klargestellt).

Und sie erwartet und genießt Respekt, sie hat eine Aura. Manchmal denke ich, dass dies das größte, wenn auch schwierigste Geschenk ist, das unsere volunteers und Exkursionsstudierenden hier bekommen: Eine nicht weichgespülte, klare Autorität, die den Gedanken an ‚partnerschaftliche’ Beziehung zwischen Alt und Jung nicht aufkommen lässt, die bei uns ja die Möglichkeit des Respekts aufgelöst hat. Die Konflikte zwischen europäischer und afrikanischer Sicht begleiten uns seit Jahren und sind auch dieses Mal wieder Dauergast.

Da äußere, dort innere Wunden

Zum Beispiel: Dort die selbstverständliche Annahme, dass körperliche Züchtigung zur Kindererziehung gehört, hier das Tabu: keine körperlichen Strafen. (Dass bei uns die kindlichen Störungen zunehmen, dass tonnenweise Ritalin in nervöse Kinder geschüttet wird, vergegenwärtigt sich kaum jemand). Äußere Wunden, innere Wunden: man wünschte sich Kinder, die weder das eine noch das andere erdulden müssen.

Als wir im Baby Haven ankommen sind die Materialien für den Bau der Mauer von Lorence besorgt. Die mitgereisten Freunde von der Freien Evangelischen Gemeinde in Herborn könnten und möchten loslegen. Aber auf Grund der wachsenden namibischen Bürokratie dauert es noch Tage bis die Genehmigung für den Bau der Mauer da ist. Zwei Kommissionen müssen prüfen …